Am 09. Oktober 2025 fand der 10. PflegeDigital@BW-Fachtag mit dem Titel „Digitale Teilhabe- Wie kann Digitalisierung Teilhabe unterstützen?“ im east27 in Stuttgart statt. Kirsten Heiland vom Team des Landekompetenzzentrums begrüßte die Teilnehmenden und führte durch das Programm.

Grußwort aus dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration

Amanda Breckner begrüßte die Teilnehmenden mit einem Grußwort aus dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration. Sie betonte, dass das Landeskompetenzzentrum seit fünf Jahren besteht und hat unter anderem die Zusatzqualifizierung Pflege Digital, das Transfermobil zur erlebbaren Digitalisierung und viele individuelle Beratungsangebote etabliert und genießt auch bundesweit Aufmerksamkeit, etwa bei der Unterstützung der Pflegeeinrichtungen bei der Anbindung an die Telematikinfrastruktur.

Der 10. Fachtag widmete sich der digitalen Teilhabe – einem zentralen Thema des Leitbilds von PflegeDigital@BW und ebenso der landesweiten „Gemeinsamen Erklärung zur Digitalisierung in der Langzeitpflege“.

Einführung in das Thema

In der Einführung stellte Kirsten Heiland das Leitbild des Landeskompetenzzentrums vor. Sie betonte das große Potenzial digitaler Technologien, die Pflegequalität zu verbessern, Pflegekräfte zu entlasten und die Selbstbestimmung sowie gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Pflegebedarf zu stärken. Sie erläuterte, dass das Handlungsfeld Empowerment das Ziel verfolgt, digitale Unterstützung für Teilhabe und Selbstständigkeit zu fördern. Mit dem Fachtag solle dieses Thema vertieft und konkret beleuchtet werden.

Im Anschluss erläuterte sie den Begriff Teilhabe anhand der WHO-Definition aus der ICF: „Teilhabe ist das Einbezogen sein in eine Lebenssituation.“ Sie hob hervor, dass dieses Einbezogen sein alle Lebensbereiche umfasst – soziale Kontakte, Vernetzung im Wohnumfeld, kulturelle und politische Teilhabe sowie die Möglichkeit, familiäre Rollen aktiv auszuüben. Digitalisierung sei dabei ein wichtiges Werkzeug, um gerade älteren Menschen Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilnahme zu ermöglichen.

Kirsten Heiland ging auch auf die unterschiedlichen Ebenen von Digitalisierung ein:

  • Organisatorische Ebene: Sie sprach darüber, wie Digitalisierung die Zusammenarbeit von Akteuren stärken und Nutzer*innen befähigen kann, z. B. in der Nutzung der elektronischen Patientenakte. Gleichzeitig müsse insbesondere im ländlichen Raum die Versorgung gesichert werden – ein Punkt, den das Sozialministerium aktuell mit dem Förderaufruf zur Televisite adressiere.
  • Gesellschaftliche Ebene: Sie betonte, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die digitale Teilhabe für alle ermöglichen, und dass das Risiko digitaler Exklusion immer mitgedacht werden müsse. Sie stellte zentrale Fragen in den Raum:
    • Welche Chancen und Risiken bringen neue Technologien für Menschen mit besonderen Bedürfnissen?
    • Wie kann Digitalisierung Selbstbestimmung stärken?
    • Wie lassen sich Zugangsbarrieren – besonders in der Langzeitpflege – abbauen?
    • Wie können pflegende Angehörige durch digitale Angebote unterstützt werden?
    • Welche Kompetenzen müssen Nutzer*innen erlernen, um digitale Gesundheitsinformationen bewerten zu können?

Sie verwies zudem auf Erkenntnisse aus dem 8. Altersbericht, wonach digitale Teilhabe nur gelingt, wenn Zugang, Infrastruktur, Wissen und Kompetenzen gegeben sind. Sozioökonomische Faktoren, Biografien und Migrationserfahrungen beeinflussen diesen Zugang maßgeblich. Daher brauche es niedrigschwellige, zielgruppenspezifische Bildungs- und Unterstützungsangebote.

Keynote 1 – Digitale Teilhabe mithilfe partizipativ entwickelter Informations- und Beratungskonzepte
Prof. Dr. Denny Paulicke (Gesundheits- und Pflegewissenschaftler)

Prof. Dr. Denny Paulicke präsentierte das Projekt SMINT – Smarte Innovationsstruktur vor Ort, das digitale Teilhabe älterer Menschen in ländlichen Regionen stärkt und ihnen den Zugang zu digital assistiven Technologien erleichtert. Grundlage ist der Ansatz, digitale Lösungen nur gemeinsam mit den betroffenen Menschen zu entwickeln. Der Vortrag zeigte zentrale Herausforderungen im ländlichen Raum auf – darunter der Rückgang lokaler Versorgungsstrukturen, der Wunsch nach Verbleib in der eigenen Häuslichkeit, geringe digitale Kompetenzen sowie Hürden bei der Nutzung digitaler Gesundheits- und Pflegeangebote.

In zwei Modellkommunen werden dazu analoge und digitale Informationsangebote partizipativ entwickelt und getestet. Fokusgruppen und Workshops machten deutlich, dass ältere Menschen vor allem kontinuierliche, niedrigschwellige Lern- und Erprobungsmöglichkeiten benötigen. Zwar besteht Offenheit gegenüber digitalen Technologien, doch fehlen häufig Wissen, Erfahrung und barrierefreie Zugänge. Besonders wichtig sind feste Ansprechpersonen, die Sicherheit vermitteln; gleichzeitig ist das Ehrenamt oft hoch belastet. Ein zentrales Hindernis bleibt der Mangel an Räumen, in denen digitale Gesundheitsanwendungen praktisch ausprobiert werden können.

Die Entwicklung der Angebote umfasste analoge Workshops, die Erstellung eines Serious Games zur digitalen Gesundheitsversorgung sowie eine Aktionsplanung mit Personas und der Identifikation geeigneter Informationsorte. Als wichtigste Erkenntnisse betonte Paulicke, dass Partizipation eine grundlegende Haltung ist, dass Transparenz Vertrauen schafft und dass flexible, kontinuierliche Strukturen notwendig sind. SMINT zeigt insgesamt, dass digitale Teilhabe durch gemeinsam entwickelte, erlebbare und alltagsnahe Angebote nachhaltig verbessert werden kann – besonders dort, wo Zugänge bisher fehlen.

Wichtige Erkenntnisse seien:

  • Partizipation ist eine Haltung, kein einzelner Projektschritt
  • Ein gemeinsames Verständnis zwischen wissenschaftlichen, professionellen und ehrenamtlichen Akteur*innen ist essenziell
  • Transparenz fördert Vertrauen und Beteiligung
  • Rekrutierungsprozesse benötigen viel Zeit; Zugänge zu Vereinen sind oft herausfordernd
  • Flexibilität, Verbindlichkeit und Kontinuität sind entscheidend
  • Stereotype müssen reflektiert und abgebaut werden
  • Die Teilnehmenden müssen wahrnehmbare Effekte ihrer Mitwirkung erleben können

Keynote 2 –Digitale Teilhabe in Einrichtungen der Altenhilfe – Konzepte, Methoden und Herausforderungen
Prof. Dr. Michael Doh (Professor Katholische Hochschule Freiburg) und Angela Helf

Das Projekt DiBiWohn zeigte auf dem Fachtag PflegeDigital@BW, wie digitale Bildungsangebote für ältere Menschen in betreuten Wohnformen und Pflegeeinrichtungen erfolgreich gestaltet werden können. Das Projekt wurde von Prof. Dr. Michael Doh und Angela Helf vorgestellt.

Im Mittelpunkt stehen partizipative Prozesse, bei denen ältere Menschen ihre Erfahrungen einbringen und Technikbegleitende sie im Peer-to-Peer-Ansatz unterstützen. An mehreren Modell- und Transferstandorten wurden digitale Lernangebote erprobt – von spielerischen, passiven Formaten wie Quizzen oder virtuellen Rundgängen bis hin zu aktiven Tablet-Angeboten. Besonders wirksam waren Methoden, die Erinnerungen aktivieren und Gespräche fördern. Herausforderungen ergaben sich vor allem durch technische Rahmenbedingungen, begrenzte Ressourcen und unterschiedliche Vorkenntnisse der Teilnehmenden. Gleichzeitig zeigten sich deutliche Erfolge: wachsendes Interesse, mehr Selbstvertrauen im Umgang mit digitalen Medien und eine spürbare Verbesserung der sozialen Teilhabe. Einrichtungen profitieren zudem von einer Erweiterung ihrer Angebote und einer Stärkung ihres Profils. Für die Zukunft betont das Projekt die Bedeutung nachhaltiger Strukturen, der Öffnung ins Quartier sowie einer stärkeren kommunalen Unterstützung digitaler Bildung im Alter – von der Teilhabe zur Teilgabe.

Podiumstalk

Der nächste Programmpunkt des Fachtags war die Podiumsdiskussion. Unter der Frage  “Was bedeutet für Sie „Digitale Teilhabe“ im Kontext von Pflege und Gesundheit in Ihrer Organisation?” diskutierten:

  • Dr. Karolin Hartmann (Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V.)
  • Prof. Dr. Michael Doh (Katholische Hochschule Freiburg)
  • Simon Blaschke (LEBEN – PFLEGE – DIGITAL Berliner Landeskompetenzzentrum Pflege 4.0)
  • Mazlum Oktay (Pflegedienst Hand in Hand)

Workshop A – Werkzeugkasten Digitale Teilhabe im Alltag: Bedarfe, Formate und Angebote”

In diesem Workshop beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den Themen: 

  • Formate und Zugang – Wie erreiche ich Menschen im Quartier und anderen Orten?
  • Angebote – Welche Unterstützungsangebote erreichen die Menschen?
  • Bedarfe – Welche Bedarfe und Bedürfnisse existieren bei den professionell Pflegenden?

In drei Gruppen und in Form einer Art Walking Gallery näherten wir uns den jeweiligen Perspektiven und Fragestellungen.

In allen drei Ecken und Runden ergeben sich Diskussionen und Gespräche über die jeweiligen Ansätze und Perspektiven, so dass die Zeit immer viel zu schnell vorbei war.

Workshop B –”Telematikinfrastruktur (TI) als Brücke zur digitalen Teilhabe in der Pflege”

In diesem Workshop setzten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Fragestellungen auseinander:

  • Welche konkreten Use Cases der TI fördern digitale Teilhabe?
  • Wo stoßen Patient: innen/ Bewohner: innen oder Pflegende im Alltag auf Barrieren und Hindernisse bei der digitalen Teilhabe?
  • Welche Lösungsansätze gibt es schon in der Praxis?

Die Basis für den Austausch bildete zwei Impulse aus der Praxis. Vanessa Heck, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Demenz Support Stuttgart, gab einen kurzen Einblick in das Projekt „gesund. digital. vernetzt“ in Ostfildern, wo sie maßgeblich dazu beigetragen hat, die Telematikinfrastruktur voranzubringen und alle am Versorgungsprozess beteiligten Akteure an einen Tisch zu holen. Hierbei sprach sie über Herausforderungen, aber auch über die Chancen und Mehrwerte, welche sich für die Pflege durch die Anbindung an die TI ergeben können. Das Pendant dazu ergab sich durch Michael Gutekunst, Referent eHealth und Telematik von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

Der Workshop zeigte, die Telematikinfrastruktur kann durch konkrete Use Cases (E-Rezept, ePA, …) die Teilhabe von Patient: innen und Pflegenden stärken. Zentrale Barrieren stellen wiederum die technische Ausstattung sowie fehlende, digitale Kompetenzen dar. Im Zentrum sollten niedrigschwellige Unterstützungsangebote, Schulungen der Mitarbeitenden, die Nutzerfreundlichkeit sowie die Motivation durch kleine Erfolge stehen.

Workshop C – “Digitale Teilhabe in kleinen und großen Organisationen”

Der Workshop “Digitale Teilhabe in kleinen und großen Organisationen”, beleuchtete die vielfältigen Aspekte der digitalen Transformation. Mithilfe von Methoden wie einer Blitzlicht-Umfrage, Impulsvorträgen und einer interaktiven World-Café-Session wurden die zentralen Herausforderungen und Erfolgsfaktoren der digitalen Teilhabe erarbeitet.

Zu Beginn gaben Experten Einblicke in ihre Praxiserfahrung. Dr. Karolin Hartmann vom Caritas-Verband Rottenburg-Stuttgart und Mazlum Oktay von der Pflegedienst Hand in Hand GmbH stellten die digitale Transformation aus der Perspektive eines großen Wohlfahrtsverbandes sowie eines ambulanten Pflegedienstes dar.

In der anschließenden Kleingruppenarbeit diskutierten die Teilnehmenden intensiv über förderliche Haltungen, typische Widerstände und bereits etablierte positive Beispiele im Kontext der digitalen Beteiligung.

Fazit

Der 10. PflegeDigital@BW-Fachtag „Digitale Teilhabe – Wie kann Digitalisierung Teilhabe unterstützen?“ verdeutlichte eindrucksvoll, welche Chancen digitale Technologien für die Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und Lebensqualität von Menschen mit Pflegebedarf bieten. Die Vorträge, Praxisbeispiele und Workshops zeigten, dass digitale Teilhabe weit mehr ist als die Bereitstellung technischer Lösungen: Sie erfordert partizipative Ansätze, niedrigschwellige Zugänge, nachhaltige Unterstützungsstrukturen sowie die aktive Einbindung aller Beteiligten.

Denn der Fachtag machte deutlich: Digitale Teilhabe gelingt nur, wenn digitale Angebote an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet sind und gemeinsam mit ihnen entwickelt werden. Neben einer verlässlichen technischen Infrastruktur sind insbesondere digitale Kompetenzen, persönliche Begleitung und geeignete Bildungsangebote entscheidend, um Zugangsbarrieren abzubauen und Teilhabe für alle zu ermöglichen.

Ein besonderer Dank galt den Referierenden, Workshop-Leitungen, Podiumsgästen und allen Teilnehmenden, die mit ihren Erfahrungen, Perspektiven und engagierten Diskussionen zum Gelingen des Fachtags beigetragen und wertvolle Impulse für die weitere Gestaltung digitaler Teilhabe in der Pflege gesetzt haben.